„Wer zerreißt das Gewand Christi?“ – Interview mit dem Generaloberen der Bruderschaft St. Pius X.

„Wer zerreißt das Gewand Christi?“

„Der Bruch geht nicht von der Priesterbruderschaft St. Pius X. aus, sondern vom eklatanten Abweichen der offiziellen Verkündigung von der Tradition und dem beständigen Lehramt der Kirche.“

  1. FSSPX.Aktuell: Hochwürdiger Herr Generaloberer, Ihre Ankündigung künftiger Bischofsweihen vom vergangenen 2. Februar hat eine Reihe heftiger Reaktionen ausgelöst. Was denken Sie darüber?

Pater Davide Pagliarani: Das ist verständlich, denn es geht um eine sehr heikle Frage im Leben der Kirche. Zudem sind die Gründe für diese Entscheidung objektiv gesehen schwerwiegend: Was auf dem Spiel steht – das Wohl der Seelen –, ist eine Frage von höchster Bedeutung. Die Debatte, die diese Ankündigung ausgelöst hat, ist daher logischerweise von großer Tragweite: Im Grunde ist niemand gleichgültig geblieben. Das ist objektiv positiv, und ich glaube, dass dies – ganz im Sinne der Vorsehung – einem sehr aktuellen Bedürfnis entspricht.

Tatsächlich hat der (im weitesten Sinne des Wortes) konservative und traditionalistische Bereich in den letzten Jahren bisweilen den Eindruck erweckt, auf eine Gruppe von Kommentatoren zu schrumpfen, in der zwar – oft berechtigte – Analysen, Erwartungen und Frustrationen zum Ausdruck kommen, die jedoch kaum in realistische und konsequente Stellungnahmen münden. Unter ihnen warten einige noch immer auf eine Antwort des Heiligen Stuhls auf die vor zehn Jahren von vier Kardinälen (zwei von ihnen sind inzwischen verstorben) formulierten Dubia zu Amoris lætitia oder auf die mögliche Veröffentlichung eines neuen Motu proprio zur tridentinischen Messe.

In diesem Zusammenhang gibt die Entscheidung über die Weihen Anlass zum Nachdenken. Es handelt sich nicht um irgendeine x-beliebige Erklärung: Es ist eine bedeutungsvolle Geste, die dazu zwingt, nachzudenken, die tatsächliche Schwere der aktuellen Probleme zu begreifen und konkret Stellung zu beziehen. Nichts ist heute dringender. Ohne es selbst gesucht zu haben, erweist sich die Priesterbruderschaft St. Pius X. als Werkzeug für eine heilsame Erschütterung, eine Erschütterung, deren eigentlicher Urheber letztlich allein die Vorsehung ist. Durch die Vorsehung ist es der Bruderschaft gegeben, zu etwas beizutragen, das die Kirche heute zu ihrem Wohl und zu ihrer Erneuerung sicherlich mehr denn je braucht. 

  1. Warum halten Sie eine solche Erschütterung gerade heute für besonders notwendig?

Wenn man unablässig – und oft auf frustrierende Weise – über äußerst schwerwiegende, den Glauben betreffende Probleme redet und diskutiert, dann werden auf lange Sicht schließlich die Themen, die Gegenstand der Debatte oder des Dialogs sind, selbst als verhandelbar wahrgenommen – unter systematischer Rücksichtnahme auf die Ideen anderer und auf unterschiedliche Empfindlichkeiten. Nach und nach wird alles relativ.

Tatsächlich infiziert die Seuche des lehrmäßigen Pluralismus, zu dem der moderne Mensch von Natur aus neigt, schließlich selbst die gesündesten Seelen: Man gleitet allmählich in die Gleichgültigkeit ab; eine langsame und unerbittliche Anästhesie lässt den Sinn für die Wirklichkeit schwinden; man richtet sich in einer Komfortzone ein, klammert sich an Gleichgewichte und Privilegien, die man keinesfalls aufs Spiel setzen will; Eifer und Opfergeist nehmen ab. Mit einem Wort: Die Gefahr besteht darin, sich an die Krise zu gewöhnen und sie als einen Normalzustand zu erleben. All das geschieht schrittweise, unmerklich. Diejenigen, die für die Seelen verantwortlich sind, haben die Pflicht, diese Mechanismen eingehend zu ergründen und zu versuchen, sie aufzuhalten, bevor sie unumkehrbar werden.

Denn worum es heute geht, ist weder eine Meinung noch eine Empfindlichkeit, weder eine bevorzugte noch eine besondere Nuance in der Auslegung eines Textes: Auf dem Spiel stehen der Glaube und die Moral, die ein Katholik kennen, bekennen und praktizieren muss, um seine Seele zu retten und in den Himmel zu gelangen.

Mit anderen Worten: Angesichts der Ewigkeit und der Gefahr, den Himmel zu verlieren, müssen Gerede, Diskussionen und Dialog der Wirklichkeit weichen.

  1. Was ist diese Wirklichkeit, von der Sie sprechen und die durch die Tat der Bruderschaft erhellt werden kann?

Diese Wirklichkeit besteht darin, dass es heute mehr denn je notwendig ist, die Rechte des Christkönigs über die Seelen und über die Nationen erneut zu bekräftigen, zu verkünden und zu bekennen: Man muss den Mut haben zu predigen, dass die katholische Kirche die einzige Arche des Heils für jeden Menschen ist, ohne Unterschied; man muss an die Erlösung, an die Sakramente, an die vernichtende Macht der Sünde glauben; man muss die Menschheit daran erinnern, dass die Kirche gegründet wurde, um die Seelen dem Irrtum, der Welt, dem Satan und der Hölle zu entreißen.

Man muss aufhören, denjenigen, die sich in einem Leben in der Sünde eingerichtet haben – die sich womöglich sogar ihrer widernatürlichen Laster rühmen –, einzureden, Gott verzeihe alles, immer und unter allen Umständen, ohne wirkliche Bekehrung, ohne Reue, ohne Buße, ohne die Forderung einer radikalen Änderung. Man muss geradeheraus feststellen, dass die Teilnahme eines Papstes an einem Ritual zu Ehren der Pachamama in den Vatikanischen Gärten Wahnsinn und ein unsäglicher Skandal ist. Schließlich und vor allem muss man aufhören, die Seelen und die Menschheit zu täuschen, indem man sie glauben lässt, sämtliche Religionen beteten, wenn auch unter verschiedenen Namen, alle denselben Gott an. Mit einem Wort: Man muss damit aufhören, die Welt um Verzeihung dafür zu bitten, dass man versucht hat, sie zu bekehren, zu christianisieren und über viele Jahrhunderte hinweg den Irrtum zu verurteilen.

In diesem tragischen Zusammenhang muss jemand sagen können: „Es reicht!“ Nicht nur mit Worten, sondern vor allem mit konkreten Handlungen.

„Man muss damit aufhören, die Welt um Verzeihung dafür zu bitten, dass man versucht hat, sie zu bekehren, zu christianisieren und über viele Jahrhunderte hinweg den Irrtum zu verurteilen.“

Wenn in der gegenwärtigen Verwirrung die Vorsehung der Priesterbruderschaft St. Pius X. die Mittel gibt, die ewigen Rechte unseres Herrn klar zu verkünden, dann wäre es von unserer Seite eine sehr schwere Sünde, uns dieser Verpflichtung zu entziehen, die uns der Glaube und die Liebe auferlegen. Das sind die Voraussetzungen, die verstehen lassen, warum die Priesterbruderschaft St. Pius X. existiert und warum sie jetzt Bischofsweihen vornimmt.

Ohne diese Voraussetzungen wären die Entscheidung der Bruderschaft wie auch ihre Redeweise sinnlos. Wenn man nicht anerkennt, dass der Glaube selbst auf den Spiel steht, dann kann die gegenwärtige Situation der Priesterbruderschaft St. Pius X. unweigerlich nur als ein Problem der Disziplin, der Auflehnung oder des Ungehorsams wahrgenommen werden. Diesem Missverständnis verfallen leider diejenigen, die behaupten, die Priesterbruderschaft St. Pius X. weihe Bischöfe lediglich, um ihre eigene Autonomie zu sichern.

Aber darum geht es nicht. Die bevorstehenden Weihen sind ein Akt der Treue, der darauf abzielt, die Mittel zu bewahren, um die eigene Seele und die der anderen zu retten. Das Streben nach egoistischer Autonomie ist nicht dasselbe wie die Wahrung einer unverzichtbaren Freiheit, um den Glauben zu bekennen und ihn an die Seelen weiterzugeben.

  1. Unter den Persönlichkeiten, die sich gegen die Weihen am 1. Juli ausgesprochen haben, befinden sich konservative Kardinäle, die Papst Franziskus gegenüber sehr kritisch sind, wie Kardinal Gerhard Ludwig Müller oder Kardinal Robert Sarah. Wie erklären Sie sich ihre Haltung?

Zunächst muss man anerkennen, dass ein konservativer Kritiker von Papst Franziskus eine gewisse Furcht empfinden könnte, mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. gleichgesetzt und zusammen mit ihr verteufelt zu werden. Daraus kann das Bedürfnis entstehen, klar zu signalisieren, dass er nichts mit uns zu tun hat.

Darüber hinaus aber leiden diese Kardinäle oder Bischöfe an einer tieferen, typisch modernen inneren Not: dem Unvermögen, die Erfordernisse des Glaubens mit denen des Kirchenrechts in Einklang zu bringen. Der Glaube verlangt, dass man alles tut, was möglich ist, um ihn zu bekennen, zu bewahren und weiterzugeben. Zugleich scheint – wenn man das Recht buchstabengetreu auslegt und von den gegenwärtigen Umständen absieht – eine Bischofsweihe ohne die Zustimmung des Papstes unmöglich. Was also tun? Diese Kardinäle leben wie andere in einer Art dauerhafter Dichotomie, die ihre guten Absichten zunichtezumachen droht: Sie stellen diese beiden Erfordernisse in cartesianischer Weise nebeneinander und sehen sich gleichsam von dem scheinbaren Widerspruch erdrückt oder überwältigt.

„Das Lehramt ist dazu da, den Glauben zu lehren, nicht ihn zu erfinden; das Recht ist dazu da, ihn zu bewahren und die notwendigen Bedingungen für das christliche Leben zu gewährleisten, das aus ihm hervorgehen muss.“

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. ist hingegen der Auffassung, dass diese beiden Postulate nicht einfach nebeneinandergestellt, sondern hierarchisch geordnet werden müssen, wobei das eine dem anderen untergeordnet ist. Denn in der Kirche geht die Reinheit und das Bekenntnis des Glaubens tatsächlich jeder anderen Erwägung voraus, weil alle übrigen Elemente, die das Leben der Kirche ausmachen, vom Glauben selbst abhängen: Das Lehramt ist dazu da, den Glauben zu lehren, nicht ihn zu erfinden; das Recht ist dazu da, ihn zu bewahren und die notwendigen Bedingungen für das christliche Leben zu gewährleisten, das aus ihm hervorgehen muss.1 Diese Priorität ergibt sich daraus, dass unser Herr selbst durch seine Menschwerdung der Welt vor allem die ewige Wahrheit offenbart, und dass er als Gesetzgeber im Evangelium die Mittel weist, diese Wahrheit zu erkennen und ihr treu zu bleiben. Zwischen dem ersten und dem zweiten Element gibt es eine logische Rangfolge.

Folglich hat die göttliche Vorsehung die Kirche nicht als ein parlamentarisches Gefüge nebeneinander bestehender und voneinander unabhängiger Ämter eingerichtet. Vielmehr hat sie eine Prioritäten-Hierarchie mit dem spezifischen und vorrangigen Zweck aufgestellt, das Glaubensgut zu bewahren, die Gläubigen in diesem Glauben zu stärken und alles Übrige nach dieser vorrangigen und grundlegenden Forderung zu ordnen. Das Recht dient insbesondere diesem Zweck, nicht jedoch dazu, diejenigen zu behindern oder zu verurteilen, die katholisch bleiben wollen, das heißt diejenigen, die aus dem Glauben leben wollen.

  1. Warum halten Sie diese Haltung für typisch modern?

Dem modernen Menschen fällt es schwer, die verschiedenen Elemente der Wirklichkeit, in der er lebt, und des Wissens, das diese Elemente analysiert, auf harmonische Weise zu ordnen. Etwas technisch gesprochen: Der moderne Mensch neigt dazu, die Elemente der ihn umgebenden Wirklichkeit nominalistisch zu ordnen; er versieht jedes von ihnen mit oberflächlichen Etiketten, ohne sich die Mühe zu machen, zu den Wurzeln der Probleme vorzudringen, und kann sie daher weder in ihrer ganzen Komplexität noch in ihren Implikationen oder ihrer wechselseitigen Abhängigkeit erfassen.

So wird im vorliegenden Fall die Anwendung des Gesetzes völlig von der Wirklichkeit getrennt, die das Gesetz eigentlich schützen soll. Aus eben dieser Trennung zwischen Gesetz und Wirklichkeit entstehen ideologische, typisch moderne Ansätze, sowohl im religiösen wie im weltlichen Bereich. Diese Haltung hat zwei verschiedene und einander ergänzende Konsequenzen.

Bei denen, die unter dieser Zweiteilung leiden und mit diesem Dilemma konfrontiert sind, wie es in konservativen Kreisen der Fall sein kann, führt sie zu Fatalismus und Entmutigung, weil man sich gefangen, gelähmt und außerstande fühlt, angemessen und den objektiven Erfordernissen des Wahren und Guten entsprechend zu handeln. Wer ständig in diesem existenziellen Widerspruch lebt, wird schließlich sein Opfer, indem er Fatalismus mit Vertrauen auf die göttliche Vorsehung verwechselt.

Bei denjenigen hingegen, die die Autorität innehaben, kann dies zu irreversibler Verblendung und Herzensverhärtung führen – unvermeidliche Folgen des ideologischen Ansatzes: „Gesetz ist Gesetz“, ohne jegliche Rücksicht auf die Umstände, die konkreten Erfordernisse oder die guten Absichten.

Aus diesem Grund verurteilt unser Herr diese Haltung mit sehr eindringlichen Worten: „Da sprach Jesus: Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden. Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies und sagten zu ihm: Sind etwa auch wir blind? Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr blind wäret, hättet ihr keine Sünde; nun aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ (Joh 9, 39–41)

  1. Glauben Sie, dass die Lehre des Evangeliums die gegenwärtige Lage in gewisser Weise erhellen kann?

Unser Herr ist das vollkommene Beispiel des Gehorsams gegenüber dem Gesetz des Mose: Ebenso wie die allerseligste Jungfrau Maria erfüllt er von den ersten Tagen seines Daseins an buchstabengetreu sämtliche gesetzlichen Vorschriften. Und er hält ihre strenge Beobachtung bis zum letzten Tag seines Lebens aufrecht: Beim letzten Abendmahl folgt Jesus genau dem jüdischen Ritual seiner Zeit.

Dennoch wirkt unser Herr am Sabbat Wunder und ruft damit die legalistische und blinde Reaktion der Pharisäer hervor. Jesus, der Gesetzgeber, größer noch als selbst Mose, befolgt selbst das Gesetz am konsequentesten und ist gleichzeitig der Erste, der die Existenz eines höheren Gutes anerkennt, das von der buchstabentreuen Beobachtung des Gesetzes dispensieren kann. Seine Worte sind, wie immer, besser als tausend Abhandlungen: 

„Es geschah aber, dass Jesus an einem Sabbat in das Haus eines der führenden Pharisäer kam, um Brot zu essen; und sie beobachteten ihn. Und siehe, ein wassersüchtiger Mensch war vor ihm. Da begann Jesus und sprach zu den Gesetzeslehrern und Pharisäern: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen? Sie aber schwiegen. Und er ergriff ihn, heilte ihn und entließ ihn. Dann sprach er zu ihnen: Wer von euch, wenn ihm am Sabbat sein Esel oder sein Ochse in einen Brunnen fällt, zieht ihn nicht sogleich heraus? Und sie konnten darauf nichts erwidern.“ (Lk 14, 1–6)

Diese göttlichen Worte bedürfen keines Kommentars. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. macht sie sich vorbehaltlos zu eigen. Auch wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Seelen aus dem Brunnen zu ziehen, selbst wenn wir einen schier endlosen Sabbat durchleben. Unser Herr war weder legalistisch noch nominalistisch noch cartesianisch: Er war der gute Hirt.

  1. In den vergangenen Monaten haben sich auch außerhalb der Bruderschaft Stimmen zu ihrer Unterstützung erhoben. Besonders Weihbischof Athanasius Schneider hat sich mehrfach zu den Weihen geäußert. Wie erklären Sie sich seine Entschlossenheit?

Diese Unterstützung für die Bruderschaft hat mich offen gestanden tief bewegt. Auch mehrere Diözesanpriester haben uns ihre Dankbarkeit und ihre Ermutigung bekundet, ebenso mehrere Bischöfe. Ihnen allen möchte ich danken.

Da ich sie hier nicht alle nennen kann, möchte ich in besonderer Weise Bischof Strickland für seine Botschaft voller Kraft, Klarheit und Mut danken. Und natürlich Weihbischof Schneider: Dieser Bischof hat großen Mut und eine Freiheit des Wortes bewiesen, die zeigen, dass man es mit einem Mann Gottes zu tun hat, uneigennützig und wirklich um das Wohl der Seelen besorgt. Ich glaube, seine Unterstützung und alles, was er in den letzten Monaten gesagt hat, wird in die Geschichte eingehen. Ich bin überzeugt, dass das nicht nur für die Bruderschaft wichtig ist, sondern mehr noch für alle Bischöfe weltweit. Es ist ein objektives Zeichen der Hoffnung: Sein Wort zeigt, dass die Vorsehung jederzeit Stimmen erwecken kann, die die Wahrheit mit Mut und Festigkeit sagen, ohne persönliche Folgen zu fürchten.

Schon vor ihm hatte uns Bischof Huonder, der vor zwei Jahren in die Ewigkeit eingegangen ist, nachdrücklich dazu ermutigt, Bischofsweihen vorzunehmen. Er und Weihbischof Schneider waren beide vom Vatikan mit dem Dialog mit der Priesterbruderschaft beauftragt worden: Im Gegensatz zu anderen Gesprächspartnern waren sie in der Lage, zuzuhören und Verständnis aufzubringen.

  1. Hoffen Sie noch immer, vor den Weihen mit dem Papst zusammenzutreffen?

Natürlich, das ist mein aufrichtigster Wunsch. Ich bin allerdings erstaunt, dass es von Seiten des Heiligen Vaters bislang keinerlei Antwort oder persönliche Reaktion gegeben hat.

Bevor man womöglich eine Gemeinschaft mit mehr als tausend Mitgliedern, die für Hunderttausende von Gläubigen auf der ganzen Welt einen Bezugspunkt darstellt, für schismatisch erklärt, wäre es vielleicht wünschenswert, diejenigen persönlich kennenzulernen, über die geurteilt werden soll. Die in Aussicht gestellte Sanktion trifft nicht nur eine Institution – die im Übrigen in den Augen des Heiligen Stuhls gar nicht existiert –, sie trifft Personen, und zwar Personen, die dem Papst und der Kirche zutiefst verbunden sind.

Ich gestehe, dass ich Mühe habe, dieses Schweigen zu verstehen, während man uns doch so oft an die Notwendigkeit erinnert, auf den Schrei der Armen, den der Peripherien, und sogar auf den Schrei der Erde zu hören ...

„Auch wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Seelen aus dem Brunnen zu ziehen, selbst wenn wir einen schier endlosen Sabbat durchleben.“

  1. Sie konnten Papst Franziskus begegnen. Welche Erinnerung bewahren Sie an ihn?

Das Programm, das Papst Franziskus der Weltkirche auferlegt hat, ist hinlänglich bekannt und von der Priesterbruderschaft St. Pius X. umfassend kommentiert worden. Ich muss leider sagen, dass ich das Wort „Katastrophe“ für das treffendste halte, um das von ihm hinterlassene Erbe zusammenzufassen.

Trotzdem konnte Papst Franziskus auf seine Weise das Gute anerkennen, das die Priesterbruderschaft St. Pius X. an den Seelen bewirkt. Daraus erwuchs uns gegenüber eine zweideutig wirkende Haltung, eine Form von Toleranz, die die oberflächlichsten Beobachter überrascht und konservative Kreise bisweilen tief irritiert hat.

Viele Entscheidungen von Papst Franziskus haben in weiten Teilen der Kirche echte Traurigkeit hervorgerufen; dennoch wäre es ungerecht, ihm vorzuwerfen, er sei bei der Beurteilung der Personen, die ihm gegenüberstanden, oder bei der Anwendung des Rechts eine rigide und nach Schema vorgehende Person gewesen. Seine Haltung hat das oft gezeigt. Es ist gewiss nur ein Detail, aber als ich im Vatikan um eine Begegnung mit ihm bat, erhielt ich innerhalb von vierundzwanzig Stunden eine Audienz bei ihm, und er zeigte sich ausgesprochen zuvorkommend.

  1. In den vergangenen Jahren hat der Vatikan im Namen einer zur Norm erhobenen Toleranz gegenüber gewissen komplexen Situationen große Offenheit gezeigt. Glauben Sie, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. davon profitieren könnte?

Die Anwendung jedes Gesetzes, ob gut oder schlecht, hängt letztlich vom Willen des Gesetzgebers ab. Ihm kommt es zu, zu bestimmen, wie er die Priesterbruderschaft St. Pius X. behandeln will.

Allerdings kann die Offenheit, die der Vatikan an den Tag gelegt hat, nicht um ihrer selbst willen gewünscht werden, denn sie geht so weit, das Absurde zu rechtfertigen: Paare zu segnen, die widernatürliche Unzucht treiben, oder sich feierlich dazu zu verpflichten, Anhänger anderer Religionen nicht zu bekehren, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wir haben es mit einer ideologischen und totalitären Diktatur der Toleranz zu tun.

Die Tradition der Kirche aber, die die Priesterbruderschaft St. Pius X. zu verkörpern sucht, stellt an sich schon eine Verurteilung dieser Entgleisungen dar, was sie für jene unerträglich macht, die eine solche Toleranz fördern. Wenn man die Lage korrekt analysiert, richten sich die – vergangenen oder künftigen – Sanktionen gegen die Priesterbruderschaft St. Pius X. nicht so sehr gegen einen einzelnen Akt des Ungehorsams als vielmehr gegen die lebendige Verurteilung, die sie gegenüber der gegenwärtigen kirchlichen Linie darstellt.

Die Rolle, welche die Vorsehung der Priesterbruderschaft St. Pius X. vorzubehalten scheint, ist diese einzigartige Aufgabe, ein Zeichen des Widerspruchs zu sein: konkret, ein Stachel im Fleisch der Reformer zu sein. Und das Besondere an diesem Stachel ist, dass er umso tiefer eindringt, je mehr man versucht, ihn loszuwerden: Nicht er selbst verursacht diesen heilsamen Effekt, sondern die zweitausendjährige Tradition, die er verkörpert und repräsentiert.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. kann sanktioniert, die tridentinische Messe kann verboten werden ... aber diese zweitausend Jahre werden niemals ausgelöscht werden können. Das ist der wahre Grund, warum die Bruderschaft trotz vergangener Verurteilungen niemals aufgehört hat, eine Stimme zu sein, die die Kirche zur Rede stellt; und das erklärt auch, warum es nicht so einfach ist, ihr gegenüber tolerant zu sein.

Eines Tages wird ein Papst kommen, der beschließen wird, diesen Stachel aus seinem Fleisch zu ziehen: Dann wird er ihn als gefügiges Werkzeug verwenden können, um – das ist unser tiefster Wunsch – dazu beizutragen, alles in unserem Herrn Jesus Christus wiederherzustellen.

  1. Man hört immer wieder, die bevorstehenden Weihen könnten ein Schisma hervorrufen. Doch manche innerhalb der Kirche betrachten die Priesterbruderschaft St. Pius X. jetzt schon als schismatisch. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Der Widerspruch ist real und macht eine Rechtsprechung des Vatikans sichtbar, die man als „fluide“ bezeichnen könnte. Versuchen wir, klarer zu sehen.

Kanonistisch betrachtet wurde die Priesterbruderschaft St. Pius X., nachdem sie 1988 für schismatisch erklärt worden war, niemals von dieser Zensur befreit: 2009 hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikationen auf, die auf ihren Bischöfen lasteten, ohne jedoch die frühere Schisma-Erklärung zurückzunehmen. Zugleich hat die Priesterbruderschaft St. Pius X. ihre lehrmäßigen Positionen nicht geändert und genau dieselbe Begründung für die vergangenen oder künftigen Bischofsweihen beibehalten. Mit anderen Worten: In Übereinstimmung damit, dass sie die gegen sie verhängten Zensuren als nichtig betrachtet, hat sie ihre Aussagen nie widerrufen.

Aus diesen Gründen betrachten „strenge“ Kanonisten sie weiterhin als schismatisch. In diesem Sinne sind die ausdrücklichen Erklärungen von Kardinal Raymond Burke, ehemaliger Präfekt des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur, oder von Msgr. Camille Perl, ehemaliger Sekretär der 2019 aufgehobenen Kommission Ecclesia Dei, zu verstehen. In derselben Perspektive ist auch zu verstehen, wie Priester behandelt wurden, die die Priesterbruderschaft St. Pius X. verließen, um sich offiziellen Strukturen anzuschließen: Für sie hob man die Exkommunikation wegen Schismas und die Suspensio auf, und man verlangte von ihnen, zu beichten, um auch im forum internum die Lossprechung zu erhalten.

„Die Tradition der Kirche aber, die die Priesterbruderschaft St. Pius X. zu verkörpern sucht, stellt an sich schon eine Verurteilung dieser Entgleisungen dar, was sie für jene unerträglich macht, die eine solche Toleranz fördern.“

Dieser Interpretation entgegen steht die Gestalt von Kardinal Dario Castrillón Hoyos,2 viel flexibler, und vor allem jene von Papst Franziskus, der die Priesterbruderschaft St. Pius X. nie als schismatisch behandelt und uns ausdrücklich gesagt hat, er werde sie niemals verurteilen. Tatsächlich könnte man in diese Liste auch Kardinal Fernández und Papst Leo XIV. selbst einschließen: Wenn sie derzeit nämlich versuchen, ein Schisma zu vermeiden, bedeutet das, dass sie uns nicht bereits als schismatisch betrachten. Dasselbe gilt für die Kardinäle und Bischöfe, die derzeit versuchen, von den Weihen abzuhalten, um ein Schisma zu vermeiden.

Doch dann stellen sich in diesem Stadium zwei Fragen: Einerseits ist – wenn dies ihre Befürchtung ist – nicht erkennbar, wann, wie und warum wir in ihren Augen aufgehört hätten, schismatisch zu sein. Und andererseits: Wenn der Heilige Stuhl selbst in der Praxis die Schisma-Erklärung von 1988 nicht als gültig betrachtet, welchen Wert könnte dann eine neue Schisma-Erklärung haben, die aus Gründen und unter Umständen ausgesprochen würde, die völlig gleichwertig sind?

Sicher ist, dass der Vatikan 1988 erwartete, die Priesterbruderschaft St. Pius X. werde sich nach der Erklärung, sie sei schismatisch, innerhalb weniger Jahre auflösen. Aber sie hat sich nicht nur nicht aufgelöst, sie ist im Gegenteil unaufhörlich gewachsen. Und vor allem hat sie trotz einer offenkundig ungerechten Schisma-Erklärung niemals aufgehört, ein Werk der Kirche zu sein und für die Kirche zu wirken: Diese Realität drängt sich mit solcher Kraft auf, dass selbst der Heilige Stuhl sie trotz der Verurteilung von 1988 schließlich in der Praxis anerkannt hat.

Eine mögliche Ursache dieser kanonischen Inkohärenzen liegt im „fluiden“ und modernistischen Begriff der „nicht vollen Gemeinschaft“, wonach ein und dasselbe Subjekt zugleich als katholisch und nicht katholisch, als Glied und Nicht-Glied der Kirche betrachtet werden kann. Offensichtlich wird, wenn jemand „teilweise“ Sohn der Kirche ist, das Gesetz der Kirche nur ebenso teilweise auf ihn anwendbar sein können, nach willkürlichen und wandelbaren Einschätzungen und Kriterien ...

Das zeigt, wie ein ekklesiologischer Irrtum unweigerlich zu juristischen Irrtümern oder jedenfalls zu verworrenen, inkohärenten und „fluiden“ Urteilen führt.

  1. Zur Stützung des Schisma-Vorwurfs wird behauptet, eine Bischofsweihe schließe immer und unter allen Umständen die Übertragung der Jurisdiktionsgewalt auf den neuen Bischof ein, mit der unvermeidlichen Folge, dass ohne Zustimmung des Papstes eine Parallelhierarchie – und damit eine Parallelkirche – entstehe. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat auf diesen Einwand bereits geantwortet.3 Da es sich um einen äußerst sensiblen Punkt handelt: Möchten Sie noch einige Erwägungen hinzufügen?

Dieser Punkt ist ganz zentral. Tatsächlich beruht der Vorwurf auf einem modernistischen Postulat. Es ist meiner Meinung nach eine interessante Frage, warum die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils lehrt, dass ein neuer Bischof stets und unter allen Umständen zusammen mit der Weihegewalt auch die Jurisdiktionsgewalt erhält.

Erinnern wir kurz daran, dass die Weihegewalt in der Fähigkeit besteht, die Sakramente zu spenden; während die Jurisdiktion die Vollmacht bezeichnet, cum Petro et sub Petro einen Teil der Herde, gewöhnlich eine Diözese, zu regieren. In der klassischen Theologie, bestätigt durch das traditionelle Kirchenrecht und vor allem durch die beständige Praxis der Kirche – man kann sagen: gemäß der Tradition – wird die Leitungsgewalt dem Bischof direkt vom Papst verliehen, unabhängig von derWeihe. Deshalb kann es rechtmäßig geweihte Bischöfe geben, denen keine eigene Jurisdiktion anvertraut wird, wie Weihbischöfe oder solche, die mit besonderen diplomatischen Missionen betraut sind.

„Die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat niemals aufgehört, ein Werk der Kirche zu sein und für die Kirche zu wirken: Diese Realität hat selbst der Heilige Stuhl in der Praxis anerkannt.“

Zur Zeit des Konzils galt diese Sichtweise als zu traditionell, zu mittelalterlich, zu römisch: Das direkte und ausschließliche Eingreifen des Stellvertreters Christi bei der Verleihung der Jurisdiktion reduzierte die beauftragten Bischöfe zu bloßen Delegierten oder Vertretern des Papstes. Demgegenüber erlaubte die Vorstellung, jeder Bischof empfange in seiner Weihe unmittelbar von Gott eine universale Jurisdiktion, ihn gewissermaßen dem Papst gleichzustellen und den Platz des Stellvertreters Christi auf den eines bloßen Kollegiums-Präsidenten, des „Ersten unter Gleichen“, zu reduzieren. Dieses neue Postulat stützte somit ganz einfach die modernistische Theorie der Kollegialität,4 die Grundlage der Demokratisierung der Kirche.

Zudem ging diese Neudefinition in eine stärker ökumenische Richtung. Denn um den orientalischen schismatischen Gemeinschaften (das heißt jenen, die tatsächlich schismatisch sind) eine gewisse „Kirchlichkeit“ zuerkennen und sie als „Schwesterkirchen“ betrachten zu können und damit eine solide Grundlage für den ökumenischen Dialog zu schaffen, musste man ihre apostolische Sukzession so hoch bewerten, dass man ihnen trotz ihrer völligen Trennung von Rom und vom Papst eine echte Jurisdiktion über ihre Gläubigen zuerkannte. Ihr Charakter als „Kirche“ würde also daraus folgen, dass sie Bischöfe haben, die nicht nur gültig geweiht, sondern auch mit einer echten Autorität über die Seelen ausgestattet sind, die aus dieser Weihe selbst hervorgeht, unabhängig von jedem Eingreifen des Papstes. Dieser Kunstgriff ermöglichte es, in diesen Gemeinschaften leichter die Existenz einer echten kirchlichen Hierarchie im vollen Sinne des Wortes anzunehmen. Ohne diese vorgängige ekklesiologische Manipulation wäre es unmöglich gewesen, ihnen eine wahre „Kirchlichkeit“ zuzuerkennen. 

„Man darf sich nicht darauf beschränken, Auswirkungen zu beklagen, ohne zu ihren wahren Ursachen vorzudringen: Man muss den Mut haben, weiterzugehen und anzuerkennen, dass diese Krise ihren Ursprung in der offiziellen Verkündigung hat, die oft mehrdeutig ist und bisweilen einen klaren Bruch mit der Tradition darstellt.“

Zu derselben ökumenischen Perspektive gehört eine weitere ekklesiologische Manipulation, der elastische Begriff der „nicht vollen Gemeinschaft“, der in der vorigen Frage erwähnt wurde: Konkret würden alle christlichen „Kirchen“ zu einer „Super-Kirche“ gehören – der Kirche Christi, größer als die katholische Kirche – und mit dieser je nach den Mängeln ihrer Lehre eine mehr oder weniger vollkommene Gemeinschaft unterhalten. Auch dieser modernistische Begriff hat das Ziel, eine angeblich entstehende Einheit mit den anderen „Kirchen“ aufzuwerten. Er ist jedoch irreführend. Denn entweder steht man in jeder Hinsicht in Gemeinschaft mit der katholischen Kirche, oder man ist von ihr getrennt: eine Zwischenposition ist ausgeschlossen. Paradoxerweise wird dieser Begriff, der als Instrument im Dienst des ökumenischen Dialogs entworfen wurde, um einen gemeinsamen Weg von „Kirchen“ zu rechtfertigen, die sich als „Schwestern“ anerkennen, auch gegenüber der Priesterbruderschaft St. Pius X. verwendet, die ihn für absurd hält.

Besonders bedauerlich an dem Vorwurf gegenüber der Bruderschaft ist, dass dieser spezifische Vorwurf des Schismas oder der „nicht vollen Gemeinschaft“, der auf modernistischen, kollegialen und ökumenischen Postulaten beruht, nicht nur vom Vatikan, sondern auch von manchen Verantwortlichen aus den sogenannten Ecclesia-Dei-Kreisen und -Instituten erhoben wird.5 Paradoxerweise greifen sie die Priesterbruderschaft St. Pius X. an, indem sie die ekklesiologischen Irrtümer des Zweiten Vatikanischen Konzils zitieren und verteidigen ... Anstatt diese Irrtümer in konstruktiver Weise offenzulegen – wie sie es theoretisch tun könnten –, benutzen sie sie, um die Priesterbruderschaft St. Pius X. zu steinigen. Aber die Steine sind aus Schaumgummi.

  1. Wie beurteilt die Priesterbruderschaft St. Pius X. hinsichtlich der Jurisdiktion und Autorität in der Kirche die Möglichkeit, Ordensschwestern oder Laien in verantwortungsvolle Ämter zu berufen?

Die Frage ist vollkommen berechtigt, besonders wenn man bedenkt, dass derzeit ein römisches Dikasterium – jenes für die Institute des geweihten Lebens –, anstatt einen Kardinal und einen Bischof als Präfekten beziehungsweise Sekretär zu haben, zwei Ordensfrauen anvertraut ist.

Ich möchte nicht ironisch sein, denn das wäre ungehörig. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass der Vatikan auf seine Weise zeigt, dass er noch immer durchaus imstande ist, zwischen Weihegewalt und Verleihung von Jurisdiktionsgewalt zu unterscheiden: Denn soweit ich weiß, ist Schwester Simona Brambilla, die derzeitige Präfektin, niemals zum Diakon, Priester oder Bischof geweiht worden; sie hat nicht einmal die klerikale Tonsur empfangen ... Dasselbe gilt für die Ordensschwester, die Sekretärin ist.

  1. Auch außerhalb der Priesterbruderschaft St. Pius X. erkennen heute viele ganz offen an, dass es innerhalb der Kirche eine Krise gibt, insbesondere im Bereich des Glaubens. Einige werfen der Priesterbruderschaft St. Pius X. jedoch vor, sich auf ihre eigene Linie zu versteifen, ohne andere Sichtweisen ausreichend zu berücksichtigen. Halten Sie diese Kritik für berechtigt?

Ich denke, die Priesterbruderschaft St. Pius X. legt gerade in dieser Hinsicht den Finger auf die Wunde. Viele sind sich darin einig, dass es in der Kirche eine Krise gibt und dass diese Krise den Glauben betrifft: Die Priesterbruderschaft St. Pius X. nimmt dies zur Kenntnis und bestätigt es.

Aber man darf sich nicht darauf beschränken, Auswirkungen zu beklagen, ohne zu ihren wahren Ursachen vorzudringen: Man muss den Mut haben, weiterzugehen und anzuerkennen, dass diese Krise ihren Ursprung in der offiziellen Verkündigung hat, die oft mehrdeutig ist und bisweilen einen klaren Bruch mit der Tradition darstellt. Konkret muss man das Spezifische der gegenwärtigen Krise erkennen: Sie betrifft die Hierarchie der Kirche in der von ihr vorgelegten Lehre selbst.

In einer solchen Situation kann man nicht umhin, die Dinge beim Namen zu nennen: Die Irrtümer müssen von denen, die dazu in der Lage sind, klar erkannt und angeprangert werden. Es genügt nicht, so zu tun, als sähe man sie nicht; oder zu hoffen, dass sie mit der Zeit verschwinden. Texte wie Amoris lætitia oder Fiducia supplicans etwa haben für erheblichen Aufruhr gesorgt; aber dann ist alles wieder ruhig geworden, man ist zu etwas anderem übergegangen, und kaum jemand spricht noch darüber. Aber die Entscheidungen und Irrtümer, die diese Texte enthalten, bleiben in Kraft: Man korrigiert sie nicht dadurch, dass man hofft, sie würden in Vergessenheit geraten.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. existiert, um dies den Gläubigen ebenso wie der Hierarchie in Erinnerung zu rufen. Sie betrachtet das als ihre Pflicht, nicht in einem Geist der Herausforderung oder des Ungehorsams, sondern als einen Dienst an der Kirche. In diesem Sinne ist es nicht gerecht zu sagen, sie isoliere sich: Sie spricht vor der ganzen Kirche und wendet sich an alle ratlosen Katholiken ohne Unterschied.

Wer an diese Fragen ohne ideologische Vorurteile herangeht, dem drängt sich eine Feststellung auf: Der Bruch geht nicht von der Priesterbruderschaft St. Pius X. aus, sondern vom eklatanten Abweichen der offiziellen Verkündigung von der Tradition und dem beständigen Lehramt der Kirche.

  1. Wie kann die offizielle Lehre der Kirche Irrtümer enthalten?

Die Frage ist äußerst heikel und komplex, und nur die Kirche wird eines Tages eine befriedigende und endgültige Erklärung dafür geben können, was geschehen ist und noch heute geschieht. Sicher ist, dass ein Irrtum vom eigentlichen Lehramt der Kirche nicht gelehrt werden kann. Tatsache ist jedoch, dass wir uns leider mit der Formulierung einiger schwerer Irrtümer konfrontiert sehen. Doch ob es sich nun um die Texte eines Konzils, das sich selbst als nicht dogmatisch verstanden hat, handelt oder um einfache pastorale Mahnschreiben, Homilien oder Gelegenheitserklärungen – bis hin zu Dialogen mit der Welt, improvisierten Ansprachen im Flugzeug oder Gesprächen mit Journalisten: Wenn nichtdogmatische Elemente als solche präsentiert werden, so kann dies keinem authentischen Lehramt entsprechen.

„Die Priesterbruderschaft St. Pius X. bleibt in vollkommener Gemeinschaft mit ausnahmslos allen Päpsten der Geschichte in dem, was sie gemeinsam haben: dem Glaubensgut, das treu empfangen, bewahrt und durch die Jahrhunderte hindurch weitergegeben worden ist.“

Um ein Beispiel zu nennen: Ein bedeutender römischer Prälat hat mir kürzlich erklärt, die Erklärung von Abu Dhabi dürfe nicht als dem Lehramt zugehörig betrachtet werden, da es sich lediglich um einen Gelegenheitstext handle. Ich gehe davon aus, dass eines Tages ein Papst mit einer gewissen Geschmeidigkeit und gesundem Menschenverstand öffentlich etwas in diesem Sinne über eine ganze Reihe problematischer Texte sagen wird, die nicht als lehramtlich im strengen Sinn des Wortes angesehen werden können. Die römische Kurie verfügt über exzellente Erfahrung und unübertroffenen Scharfsinn, um die notwendigen Unterscheidungen zu treffen: Es fehlt ihr nur der Wille dazu.

Wie dem auch sei, eine endgültige Klärung muss von der Kirche selbst kommen; sie steht nicht der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu. Ihre Rolle beschränkt sich darauf, alles treu zurückzuweisen, was im Bruch mit der Tradition und dem beständigen Lehramt steht. Indem sie das tut, bleibt die Priesterbruderschaft St. Pius X. in vollkommener Gemeinschaft mit ausnahmslos allen Päpsten der Geschichte in dem, was sie gemeinsam haben: dem depositum fidei, das treu empfangen, bewahrt und durch die Jahrhunderte hindurch weitergegeben worden ist.

  1. In vielen Bereichen des kirchlichen Lebens, etwa im liturgischen Bereich, ist offensichtlich, dass es Missbräuche gibt. Warum spricht die Priesterbruderschaft St. Pius X. immer von Irrtümern und nicht von Missbräuchen?

Es ist offensichtlich, dass es Missbräuche gibt, die über die Grenzen der Reformen selbst hinausgehen. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. ist sich darüber vollständig im Klaren.

Doch die ständige Missbrauchs-Rhetorik, die vor allem unter dem Pontifikat Benedikts XVI. in Mode war, reicht nicht aus, um der Krise gerecht zu werden. Sie schafft sogar im Gegenteil ein systematisches Alibi, das verhindert, zu den Wurzeln der Probleme vorzudringen. Die Liturgiereform etwa birgt in sich Schwierigkeiten, die bereits in ihren Prinzipien liegen, unabhängig von eventuellen Missbräuchen. Ökumenische und interreligiöse Gebete sind beispielsweise Ausdruck eines theologischen Irrtums, auch wenn man versucht, explizite Akte des Synkretismus zu vermeiden, um das zu verhindern, was als Missbrauch erscheinen könnte.

Vor allem aber tendiert die Rhetorik vom liturgischen Missbrauch oder vom Missbrauch in der Auslegung der Texte dazu, die beteiligten Personen in Frage zu stellen – weil sie für diese Missbräuche verantwortlich seien oder unfähig, sie zu unterbinden –, anstatt die falschen Prinzipien zu benennen, die der gegenwärtigen Katastrophe zugrunde liegen. Was jedoch angeprangert werden muss, sind genau diese Prinzipien. 

„Damals wie heute handelt es sich nicht um eine Rebellion, sondern um die Antwort auf eine erschütternde Notwendigkeit.“

Ich gestehe, dass ich in den letzten Jahren selbst betroffen war über die bittere und systematische Reaktion eines gewissen etwas kurzsichtigen konservativen Milieus, das die Gestalt von Papst Franziskus sehr persönlich angegriffen hat, anstatt das Konzil und die Kontinuität seiner lehrmäßigen Anwendung bis in unsere Tage hinein in Frage zu stellen. Eine solche Haltung bewirkt, dass man sich nach jeder Wahl eines neuen Papstes wenigstens einige Monate lang eine Behebung der Krise erhofft – ohne die neuen Prinzipien in Frage zu stellen, als hinge alles vom persönlichen Willen des neuen Pontifex ab, Missbräuche mehr oder weniger entschlossen zu verurteilen oder zu unterdrücken. Das ist eine oberflächliche Rhetorik, die einen aufmerksamen und redlichen Beobachter nicht mehr überzeugt.

  1. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat schon bei anderen Gelegenheiten hervorgehoben, dass ein authentisches christliches Leben heute in einer gewöhnlichen Pfarrei unmöglich sei. Scheint Ihnen das nicht übertrieben? Ist der dieser Behauptung entsprechende „Notstand“ wirklich so offensichtlich? Handelt es sich nicht vielmehr um einen „brauchbaren“ Begriff, der ausgearbeitet wurde, um die Weihen zu rechtfertigen, die das Werk braucht?

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. ist sich des tragischen und schmerzhaften Charakters dieser Aussage voll bewusst. Es handelt sich um eine äußerst ernste Feststellung, die richtig verstanden werden muss.

Zunächst geht es nicht darum zu bestreiten, dass trotz aller Probleme und Mängel, mit denen die gewöhnlichen Pfarreien konfrontiert sind, gute Priester und gute Gläubige dennoch dazu gelangen können, sich zu heiligen und ihre Seele zu retten. Trotz ganz ungünstiger Umstände kann die Gnade Gottes die Seelen rühren, und wir kennen solche Fälle. Für viele wird übrigens das reale Leiden an ihrer Situation zu einer wahren Quelle der Heiligung, die sie oft zur Suche nach der Tradition drängt.

Was die Priesterbruderschaft St. Pius X. behauptet, muss jedoch objektiv und nicht subjektiv verstanden werden. Um die Lage dieser Pfarreien wahrheitsgemäß zu beurteilen, muss jede Seele guten Willens sich vor Gott im Gebet präzise Fragen stellen und eine übernatürliche Antwort suchen, die nicht von positiven oder negativen Eindrücken und auch nicht von ideologischen Vorurteilen diktiert wird, sondern von der vom Glauben erleuchteten Vernunft.

Kann die Messe Pauls VI. den katholischen Glauben vollständig ausdrücken und nähren? Vermittelt sie in hinreichender Weise den Sinn für das Heilige, das Transzendente, das Übernatürliche, das Göttliche? Ermöglicht dieser Ritus, den wahren Sinn des katholischen Priestertums zu erfassen?

Vermittelt man in einer gewöhnlichen Pfarrei oder einem pastoralen Zentrum, das heißt dort, wo gemäß den gegenwärtigen Glaubensrichtlinien gepredigt wird, noch den katholischen Glauben in seiner ganzen Integrität? Ist der den Kindern erteilte Katechismus noch katholisch und geeignet, sie für ihr ganzes Leben zu formen?

Werden die sehr heiklen und höchst aktuellen Fragen der Ehemoral oder des Zugangs zur Eucharistie in irregulären Situationen noch gemäß dem Gesetz der Kirche behandelt? Wird das Sakrament der Buße noch mit einem wirklichen Sinn für die Erlösung und die Sünde, für ihre Schwere und ihre Folgen gespendet?

Allgemeiner gefragt: Welche Früchte haben die Reformen im konkreten Leben der Gläubigen insgesamt hervorgebracht?

Auf all diese und andere, ähnliche Fragen antwortet die Priesterbruderschaft St. Pius X. klar und kohärent; und von dieser Analyse aus gelangt sie, weil sich die Wirklichkeit aufdrängt, zur Feststellung des „Notstands“.

Die Aussage der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist also Frucht eines gesunden Realismus, nicht eines ideologischen a priori. Der tragische Charakter dieser Feststellung entspricht ganz einfach dem tragischen Charakter der Wirklichkeit.

  1. Glauben Sie nicht, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. trotz bester Absichten Gefahr läuft, erneut die Familien, die Welt der Tradition und die Kirche selbst zu spalten?

Vielleicht hat die Kirche noch nie so sehr wie heute die Erfahrung einer Spaltung gemacht, und niemand kann sich darüber freuen.

Doch diese Spaltung wird nicht durch die Treue zur Tradition hervorgerufen, sondern vielmehr durch die Entfernung von ihr: Die Krise des Lehramts, die Mehrdeutigkeiten, die Irrtümer und die Inkulturation drängen dazu, alles zu deuten und neu zu deuten, vermehren die vielen Arten des Urteilens, die auf Dauer unvermeidliche Spaltungen hervorrufen. Um ein bekanntes Bild zu gebrauchen: All das zerreißt das Gewand Christi. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. versucht durch ihre Treue zur Tradition schlicht und einfach, dazu beizutragen, dass es immer wieder zusammengenäht wird.

Was die Möglichkeit betrifft, dass alle Traditionalisten zusammenarbeiten und kämpfen, so wünscht die Priesterbruderschaft St. Pius X. dies von Herzen. Doch das darf nicht mittels einer Art Ökumenismus im Kleinen geschehen: Es kann nur in voller Treue zur unverkürzten Tradition geschehen, wenn man will, dass dieser offene Kampf allen zugutekommt, auch denen, die nicht mit uns übereinstimmen.

„Die wahre, dauerhafte und unerschütterliche Einheit hat ihre einzige mögliche Grundlage in der Tradition der Kirche.“

Schließlich muss man sich, was mögliche Spaltungen innerhalb derselben Familie betrifft, mutig an jene Worte unseres Herrn erinnern, ohne Anstoß zu nehmen, ohne in Bitterkeit zu verfallen, und indem man diejenigen unterstützt, die leiden:

„Glaubet nicht, dass ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, zu entzweien den Menschen wider seinen Vater, die Tochter wider die Mutter, und die Schwiegertochter wider ihre Schwiegermutter; und des Menschen Hausgenossen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer den Sohn oder die Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ (Mit 10, 34–37)

  1. Eine rückblickende Frage: Die besondere Phase, die die Priesterbruderschaft St. Pius X. derzeit durchlebt, weckt bei den Älteren die Erinnerungen und Emotionen von 1988. Dieses Datum markiert zweifellos einen entscheidenden Wendepunkt im Werk von Erzbischof Lefebvre. Welche Aussage des Gründers der Priesterbruderschaft St. Pius X. kommt Ihnen heute vor allen anderen in den Sinn?

In einem privaten Gespräch hatte Erzbischof Lefebvre einmal gestanden, er hätte lieber sterben wollen, als sich im Widerspruch zum Vatikan zu befinden. Das zeigt, in welchem Geist er die Weihen von 1988 vorbereitet hat. Damals wie heute handelte es sich nicht um eine Rebellion, sondern um die Antwort auf eine erschütternde Notwendigkeit: eine notwendige und unvermeidliche Entscheidung, die jedoch mit schwerem Herzen getroffen wurde.

Bei einer anderen Gelegenheit erklärte Erzbischof Lefebvre gelassen und in durchaus übernatürlicher Weise, wenn die Priesterbruderschaft St. Pius X. nicht das Werk Gottes sei, dann werde sie nicht fortbestehen und ihn nicht überleben. Es ist nicht an uns, auf diese Frage zu antworten. Doch die Geschichte selbst hat bereits begonnen, ihr Urteil zu sprechen.

  1. Wann und wie könnte Ihrer Meinung nach die Krise der Kirche ein Ende finden und mit ihr dieses Gefühl allgemeiner Auflösung sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche selbst?

Nur die Vorsehung kennt die genaue Antwort auf diese Frage. Was mich betrifft, so vermute ich, dass die Autoritäten, nachdem sie vergeblich und verzweifelt Frieden und Einheit in der Kollegialität, der Synode, dem Ökumenismus, dem Dialog, dem Hören, der Inklusion, der gemeinsamen Sorge um die Natur, der menschlichen Brüderlichkeit, der unablässigen Verkündigung der Menschenrechte usw. gesucht haben, schließlich – viel zu spät – erkennen werden, dass die wahre, dauerhafte und unerschütterliche Einheit ihre einzige mögliche Grundlage in der Tradition der Kirche hat.

Wenn also die Krise alle ihre Folgen gezeigt haben wird, wenn der Abfall vom Glauben noch allgemeiner geworden sein wird und die Kirchen leer sein werden, dann werden diese Autoritäten endlich verstehen, dass überhaupt nichts neu zu erfinden war: Man musste einfach Christus dem König treu sein und nach dem Beispiel der ersten Märtyrer seine unantastbaren Rechte gegenüber einer neuheidnischen Welt verkünden.

Eines ist sicher: In dem Maß, in dem die Selbstzerstörung der Kirche von Rom ausgegangen ist, wird diese schreckliche Krise nur von Rom aus und durch Rom ein Ende finden. Dennoch sind die Keime dieses Wiederaufbaus der Kirche bereits am Werk: Sie bringen demütig Frucht in den Seelen, die der Geist unseres Herrn belebt und in denen in Stille das Kommen jener vorbereitet wird, die eines Tages die Königsherrschaft Jesu Christi in ihrer Herrlichkeit wieder aufrichten werden.

„Nur von Rom aus und durch Rom wird diese schreckliche Krise ein Ende finden.“

Es stimmt, die Krise dauert länger an, als man es sich vorstellen konnte. Das liegt meiner bescheidenen Ansicht nach an der inneren Schwierigkeit, die die Kirche heute hat, zu reagieren. Ein gesunder Körper vermag auf Krankheitserreger, die ihn angreifen, recht leicht zu reagieren; je geschwächter ein Körper aber ist, desto schwerer fällt es ihm. Ebenso wurde die Krise, die wir erleben, durch den Angriff verderblicher Prinzipien auf bereits geschwächte Geister ausgelöst – eine Schwächung, die lange vor den Reformen begonnen hatte.

Doch wie in jeder Prüfung muss man die Vorsehung am Werk sehen und sich mit Geduld wappnen. Je länger die Krise dauert, je mehr Satan tobt, desto glänzender wird dann der Triumph der Tradition sein, und vor allem wird der Welt umso deutlicher offenbar werden, dass die Kirche unzerstörbar und göttlich ist.

Wie nie zuvor erfüllt uns heute die Verheißung unseres Herrn mit Freude und Hoffnung: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16, 18)

Und mehr noch: Die Gewissheit dieses Triumphes ist in erster Linie durch Diejenige verbürgt, die alle Häresien überwindet: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“

Interview, gegeben in Menzingen am 19. April 2026, 
am Sonntag vom Guten Hirten

  • 1

    Diese auf der Weitergabe des Glaubens beruhende Ordnung ist ein klassischer Grundsatz des Kirchenrechts. Um nur einen Autor unter vielen zu zitieren: Ut patet fundamentum vitæ supernaturalis Ecclesiæ curæ et potestati concreditæ est fides; „Es ist klar, dass der Glaube das Fundament des übernatürlichen Lebens ist, das der Fürsorge und der Autorität der Kirche anvertraut ist.“ Das Recht muss daher alles, was den Glauben betrifft, organisch regeln: ...quæ respiciunt fidei prædicationem, explicationem, susceptionem, exercitium, professionem externam, defensionem et vindicationem; „alles, was die Verkündigung des Glaubens, seine Auslegung, seine Annahme, seine Ausübung, sein äußeres Bekenntnis, seine Verteidigung und die Widerlegung von Irrtümern betrifft“, in Gommarus Michiels OFM Cap., Normæ generales juris canonici, Paris 1949, Bd. 1, S. 258.

  • 2

    Kardinal Castrillón Hoyos hat in den 2000er Jahren mehrfach betont, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. „nicht im Schisma“ sei, sondern sich in einer „kanonisch irregulären Situation“ befinde, die innerhalb der Kirche geregelt werden müsse.

  • 3

    Schreiben von Pater Davide Pagliarani an Kardinal Víctor Manuel Fernández vom 18. Februar 2026, Anhang 2.

  • 4

    Diese Lehre sieht im Bischofskollegium als solchem ein zweites Subjekt der höchsten Autorität in der Kirche neben dem Papst: Das führt dazu, dass die Kirche sich zu einer Art ständiger Synode wandelt, was die Allmacht der Bischofskonferenzen und die derzeitige synodale Reform rechtfertigt.

  • 5

    Zu nennen sind insbesondere die Studien von Abbé Josef Bisig, Gründer der Petrusbruderschaft, und von Pater Louis-Marie de Blignières, Gründer der Fraternität Saint-Vincent-Ferrier.